Gesamtschule Kamen

Integrierte Gesamtschule der Stadt Kamen mit gymnasialer Oberstufe

Krise(n) erleben und bewältigen?!

Krise(n) erleben und bewältigen?!

Im Moment erleben wir herausfordernde Zeiten, denen sich der E-Kurs Deutsch 9 D/F von Frau Schiefer mit Hilfe von selbst verfassten Kurzgeschichten gestellt hat.

Schnell war klar, dass die Texte nicht im Deutschheft oder in der Schreibtischschublade auf Nimmerwiedersehen verschwinden sollten. Deshalb haben wir eine kleine Auswahl zusammengestellt.

Die ausgewählten Geschichten thematisieren den Alltag in der Corona-Zeit, Liebeskummer sowie Leistungsdruck.

 

(Text: Johanna Schiefer)

 

 

Geschichte 1

 

Alarmstufe rot

Anonyme*r Autor*in (2020)

 

Ein Bild, das drinnen, Küche, sitzend, Tisch enthält.

Automatisch generierte BeschreibungSie kam nach Hause. Sie murmelte vor sich hin. Der Sohn kam die Treppe runter und fragte, wie ihr Tag war.

Es ist schon wieder ein Corona-Patient gestorben, schoss ihr durch den Kopf, während sie den Schlüssel aus dem Schloss der Haustür zog.

Der Sohn sagte, dass er hungrig sei.

Sie holte tief Luft und ging schnaufend ins Bad. Auf dem Weg dorthin, sagte sie, dass er sich selbst darum kümmern solle.

Sie sah den Nagellack von heute Morgen, er war rot wie Blur. Eine Zeitlang starrte sie auf den Nagellack in Rot.

Sie war sauer, dass ihn niemand weggeräumt hatte.

Der Vater fragte seinen Sohn, wo denn Mama sei. Sie schrie von oben: „Wo ist das Toiletten-Papier?!“

Der Vater erwiderte: „Wir haben keins mehr!“

Sie riet von oben, dass er gefälligst welches holen solle. Sie sagte, dass die ganze Arbeit an ihr hängen bliebe und dass er nie etwas tue. Der Vater grübelte kurz darüber nach, dass er 100% Kurzarbeit hatte. Er rief mit wütender Stimme und mit einem rot verzerrten Gesicht: „Gehe Toiletten-Papier holen.“
Er knallte die Haustür zu.
Er ging zum Supermarkt.
Er ging zur Kasse und wollte sich an der langen Schlange vorbei drängeln. Es ging ihm nicht schnell genug und er sah rot, hustete die Frau in der Schlange an, warf das Toiletten-Papier hin und rannte aus dem Laden.

 

 

Geschichte 2

 

Lernzeit

Antonia Weber (2020)

Ein Bild, das Text enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Ich habe mir die ganze Nacht Vorwürfe wegen Gestern gemacht. Ich schaue auf mein Handy. Oh Mann, schon halb zehn. Sofort fallen mir wieder die Hausaufgaben ein. Ich hatte mir fest vorgenommen sie am Samstag zu erledigen, damit ich Sonntag noch Zeit zum Lernen habe. Gestern war Samstag. Ich habe trotzdem nichts gemacht. Ich dachte, ich hätte heute ja noch genug Zeit. Wie immer. Warum bekomme ich das nie auf die Reihe? Ich verbringe erstmal etwas Zeit am Handy. Schon wieder so viele Nachrichten.

Irgendwann schaue ich auf die Uhr. Was, schon fast elf? Ich springe auf und gehe ins Badezimmer. Als ich fertig bin, muss ich erstmal etwas essen. Die ganze Zeit denke ich nur ans Lernen. Ich bin fest entschlossen heute alles fertig zu machen. Nach dem Essen gehe ich zurück in mein Zimmer. Mein Handy liegt auf meinem Bett. Ich kann einfach nicht anders als es zu nehmen. Neue YouTube-Videos, die muss ich einfach sehen. Nach einer Weile fallen mir wieder die Aufgaben ein. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist mittlerweile halb zwei! Naja, etwas Zeit habe ich ja noch. Ich schaue auf meine Liste. Ein Gedicht in Deutsch, eine Argumentation in Englisch, Aufgaben in Bio und Physik und Dienstag schreiben wir eine Arbeit in Mathe. Wie soll ich das nur schaffen?

Ich fange mit dem schlimmsten an. Bio und Physik. Sobald ich das hinter mir hab wird‘s schon gehen. Ich schlage das Buch auf und beginne den Text zu lesen. Um ehrlich zu sein verstehe ich kein Wort. Am liebsten würde ich jetzt schon aufgeben. Ich schaffe das doch nie. In Bio und Physik war ich noch nie gut. Und wer kommt bitte auf die Idee, ein Gedicht zu schreiben sei einfach. Worüber soll ich nur schreiben? Ich frage einfach meine beste Freundin. Sie ist eh viel kreativer und schlauer als ich. Nach ein paar Minuten antwortet sie. Sie hat keine Zeit mir jetzt zu helfen. Sie schreibt außerdem „Denk an den Erdkunde-Test am Mittwoch". Mist, das hatte ich total vergessen. Und dann auch noch Erdkunde, das kann ich sowieso nicht. Ich gehe zu meinem Bett und lasse mich auf die Kissen fallen. Ich schaue auf mein Handy. Schon wieder über hundert Nachrichten in der Klassen-Gruppe. Da ist bestimmt was Wichtiges bei. Also fange ich an zu lesen.

Irgendwann schaue auf die Uhrzeit. Es ist schon kurz vor drei!? Ich muss jetzt wirklich mit den Aufgaben anfangen. Andererseits weiß ich, dass ich es eh nicht schaffen werde. Mathe kriege ich schon hin. Aber Bio, Physik und Deutsch? Und dann kommt noch der Erdkunde-Test dazu. Ich bin so ein Versager. Nichts bekomme ich geregelt. Warum soll ich überhaupt anfangen, wenn ich sowieso scheitere. Mir kommen die Tränen. Ich bin einfach so faul. Und ehrgeizig bin ich erst recht nicht. Ich wünschte, ich wäre so talentiert und schlau wie meine Freunde.

18 Uhr… Plötzlich kommt meine Mutter herein; „Willst du auch was essen?“. „Nein, danke", sage ich mit verheulter Stimme und schaue weg. „Alles in Ordnung? Warum weinst du denn?“, fragt sie und kommt zu mir. „Ich habe noch so viele Hausaufgaben und ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll", antworte ich und erzähle ihr von allem. Von den Aufgaben in Bio und Deutsch und von den Tests, die diese Woche anstehen. Als ich fertig bin, sagt sie: „Du weißt aber, dass ich immer für dich da bin und dir helfen kann, wenn du Hilfe brauchst.“. Ich merke wie Wut in mir aufsteigt. „Nein ich brauche deine Hilfe nicht, ich muss das allein schaffen. Ich bin ja kein kleines Kind mehr!“. Ihr Blick senkt sich. „Okay“ sagt sie und verlässt mein Zimmer.

Eigentlich bin ich gar nicht wütend auf sie, sondern auf mich. Ich verstehe einfach nicht, wieso ich das nicht kann. Wieso kann ich nicht einfach diese blöden Aufgaben machen? Wieso kann ich nicht schlau und kreativ sein? Und wieso muss ich so blöd reagieren? Meine Mutter kann auch nichts dazu. Sie wollte doch nur nett sein. Und ich bin wieder so blöd und schnauze sie an. Mir kommen erneut die Tränen. Ich sitze eine Weile so da. Plötzlich fällt mir es mir ein, wie ein Blitzschlag trifft es mich.

 

Geschichte 3

 

- Schmerz -

Christina Arapi (2020)

 

Ein Bild, das drinnen, Tisch, sitzend, weiß enthält.

Automatisch generierte BeschreibungAuf einmal ist er da. Ein stechender Schmerz, der durch meinen ganzen Körper geht. Ich kann nicht mehr klar denken, ich spüre nur diesen Schmerz. Es fühlt sich an wie tausend Stiche. Es tut weh. Es tut so sehr weh. Es gibt nichts Schlimmeres für mich als dieser Schmerz. Im Moment fühle ich mich ganz leer. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, noch weiß ich nicht, wie ich klar denken oder fühlen soll. Alles fühlt sich schlimm an und viel schwerer als es sonst ist. Ich fühle mich fallen und im Stich gelassen, gibt es Pillen für diesen Schmerz?

Manchmal frage ich mich, womit ich sowas verdient habe...womit? Wenn ich lache, fühlt es sich falsch an, aber ich kann doch nicht 24. Stunden am Tag weinen und diesen Schmerz empfinden. Ich weiß nicht, wie ich diesen Schmerz überstehen soll, andererseits denke ich mir, wenn andere es schaffen, schaffe ich es auch. Ich bin

nicht die einzige die das überstehen muss. Es gibt bestimmt andere Krisen, die viel schlimmer sind und die Menschen halten diese auch aus. Ich muss das Beste aus dieser

Situation machen und an mich glauben. Es gibt andere Menschen in meinem Leben, die mich lieben, wie ich bin und die mich schätzen und unterstützen. Das Leben geht weiter, auch ohne diese eine Person.

 

Geschichte 4

 

Viren mögen keine Hecken

Jonas Weinmann (2020)

 

Plötzlich wache ich auf. Das Sonnenlicht, das durch die Rollladen fällt, kitzelt mich sanft. Ich rolle mich leise hin und her, doch was soll es? Selbst das normale Frühstück am Esstisch fällt mir schwer.

Alles leer, niemand da, das passt ziemlich überall, wo man derzeit hin geht. Selbst hier zu Hause. „Was für ‘n Kack“, murmle ich heimlich vor mir her.

„Ja, da schaue ich nach“, höre ich aus dem Arbeitszimmer von meinem Vater. Jeden Tag dieses komische Home-Office. Schon seit vier Wochen geht das jetzt so. Seit vier Wochen nur noch zu Hause.

Ich geh nicht raus… nicht spielen… nichts… schon erst recht nicht Fernsehen und Radio hören.

Ein Bild, das Zeichnung enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Ich fühle mich langsam, als würde ich von einem LKW überrollt werden. Neben mir geht langsam die Tür auf. Meine Mutter kommt ins Wohnzimmer. „Komm schon mein Kleiner, du musst mal rauskommen. Fußball spielen mit mir? Komm schon.“ „Nein, nein auf keinen, keinen Fall.“ Panisch laufe ich in mein Zimmer. Ich knalle die Tür und Boom... Es hört sich an als würde eine Bombe explodieren. „Was ist denn jetzt hier los“, ruft mein Vater. „Es tut mir leid“, murmle ich und die ersten Tränen kommen mir hoch.

Die Tür geht auf und meine Mutter kommt ins Zimmer. „Ich weiß, du hast Angst vor dem Virus.“ „Nein“, sage ich, aber sie hat recht.

Nun herrscht Stille zwischen mir und meiner Mutter. Es fühlt sich falsch an, nicht die Wahrheit zu sagen, wird mir bewusst.

„Na gut ein wenig Angst, weil all die Menschen sterben und krank werden in den Nachrichten, das will ich nicht Mama und manche Menschen mit Masken machen mir manchmal mehr Angst als normal“, erzähle ich ihr.

„Och mein Kleiner, kennst du einen, der den Virus hat?“ „Nein, aber…“ und bevor ich zu Ende reden kann, sagt sie: „Also komm, lass uns nur in den Garten gehen, dort sind wir sicher, dank der Hecke“.

Ich bin erstaunt und frage: „Hä, … echt?“ „Ja, hast du das nicht in den Nachrichten gesehen, die Viren mögen Hecken nicht“ erzählt sie. „Nein“, „Also gehen wir in den Garten?“ fragt sie.

Ich zögere. Wie konnten Hecken mich schützen? Hecken als Beschützer…?

 

Bild entnommen aus: https://www.iconspng.com/image/41787/nio-deprimido (Letzter Aufruf am 24.06.2020)

 

 

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